Stehende Ovationen bei der STATTTHEATER-Premiere

Man hätte eine Stecknadel fallen hören, als das Schauspiel TERROR_1
von Ferdinand von Schirach begann. Die Zuschauer waren
total auf das Bühnengeschehen konzentriert, absolute Stille im Saal. So etwas erlebt man eher selten in der Homberger Stadthalle. Das Theaterstück „TERROR“ von Ferdinand von Schirach bildete die Auftaktveranstaltung des neuen Homberger STATTTHEATERs, das in die erste Saison mit gleich vier Veranstaltungen startet.
Für die Zuschauer, die an diesem Abend als Richter/Schöffen fungierten, war es eine sehr schwere Entscheidung, die Schicksale der 164 Airbus-Insassen gegenüber den 70.000 Stadionbesuchern abzuwägen, zumal die Staatsanwältin an den Angeklagten die Frage stellte, wie er entschieden hätte, wenn seine Frau und sein Sohn im Flugzeug gesessen hätten. Diese Antwort blieb offen.
„Sehr überzeugend und beeindruckend fand ich den Vortrag der Staatsanwältin und des Angeklagten Koch und für alleTERROR_3 bewegend die Worte der Nebenklägerin (sie hatte eine SMS ihres Mannes mit dem Inhalt erhalten, dass er sich mit Passagieren auf dem Weg ins Cockpit machen wollte). Sie hatte als Erinnerung an ihren Mann nur noch einen einzelnen nicht beschädigten Schuh aus den Trümmern der Unglücksmaschine erhalten. Das Handy wurde beschlagnahmt und sie hatte es bis heute noch nicht wieder“, erzählt die Zuschauerin Lydia Köhler ergriffen.

So war es nicht einfach nur ein Theaterstück, was sich da in der Homberger Stadthalle am Tag der deutschen Einheit abspielte, die Zuschauer wurden mit hinein genommen in das Stück, in die Entscheidungsfindung des Gerichts. Ja konnten sogar durch ihre Abstimmung für „schuldig“ oder „unschuldig“ den gespielten Prozessverlauf beeinflussen und letztendlich darüber mitentscheiden, ob der Angeklagte Major Lars Koch verurteilt wird oder freigesprochen.
Von den 256 Zuschauern entschieden sich 193 für „unschuldig“ und 63 Personen für „schuldig“. Jeder Zuschauer durfte im Eingangsbereich durch eine eigens hierfür gebaute Tür gehen, eine Tür für „schuldig“, eine zweite für „unschuldig“ und wurde gezählt. Das Urteil hatte Auswirkungen auf den Fortgang des Stückes. Die Mehrheit hielt Lars Koch für unschuldig, also kam diese Begründung des Richterspruchs zur Aufführung.TERROR_2
Die stellvertretende Vorsitzende des Homberger Kulturrings, Edith Köhler hierzu: „Nach der Abstimmung über „schuldig“ oder „unschuldig“ gab es im Foyer der Stadthalle noch viele Diskussionen darüber: war meine Entscheidung richtig? Die meisten der Zuschauer waren darüber dankbar, kein Richter sein zu müssen. Diese Aufführung hat für alle eine Nachhaltigkeit.“
André Grabczynski: „Dieses Stück hat seit dem 11. September 2001 nichts an Aktualität verloren. Das konnten die Besucher der Stadthalle Homberg am Dienstag, dem 3.Oktober, sprichwörtlich am eigenen Leib erfahren, denn Sie waren selbst gefordert, sich eine Meinung zu bilden, die das Ende des Stückes bestimmen sollte.“

In der gut gefüllten Stadthalle, saß “Major Lars Koch” auf der „Anklagebank“. Er allein hatte in einem Kampfjet abzuwägen, ob er die Leben in einem gekidnappten Linienflug für wichtiger hält oder die 70.000 Menschenleben in einem Fußballstadion.

Ziel der Terroristen war es, den Airbus in die ausverkaufte Münchner Allianz-Arena
stürzen zu lassen, in der 70.000 Zuschauer dem Länderspiel Deutschland-England entgegenfiebern. Lars Koch entschied sich eigenmächtig, das Passagierflugzeug abzuschießen, um die Fußball-Fans zu retten. Alle 164 Airbus-Insassen sterben. Ist Koch schuldig, weil er 164 Menschen zum Objekt gemacht hat und damit deren Rechte und Menschenwürde verletzte?

In „TERROR“, seinem ersten Theaterstück, stellt der ehemalige Strafverteidiger Ferdinand von Schirach die Frage nach der Würde des Menschen und dessen moralischer Verantwortung: Darf ein Mensch töten, um andere zu retten? Welche
Gründe kann es geben, um ein Unheil durch ein anderes, vermeintlich kleineres Unheil abzuwehren? Ist die Entscheidung von Lars Koch moralisch vertretbar oder nicht?
Das Ensemble mit Johannes Brandrup (als vorsitzender Richter), Christian Meyer, Christoph Schlemmer, Annett Kruschke, Peter Donath und Tina Rottensteiner verstand es, die Zuschauer in seinen Bann zu ziehen. In allem ein gelungener
Auftakt des neuen STATTTHEATERS, der weitere qualitativ hochwertige Veranstaltungen erwarten lässt.

Der Homberger Kulturring hat in Kooperation mit der Kleinen Bühne Schwalm-Eder, dem Stadtjugendring, der auch das Catering für die Theaterveranstaltung übernahm, und dem Stadtmarketingverein ein vielfältiges Theaterprogramm auf die Beine gestellt.

Weitere Stücke und Tickets:

Am 21. November folgt die französische Erfolgskomödie „Der Vorname“ mit dem
aus zahlreichen Fernsehfilmen bekannten Grimme-Preisträger Martin Lindow in der
Hauptrolle. Im neuen Jahr, am 18. Februar, folgt „Kunst“ – eine Komödie der Erfolgsautorin Yasmina Reza – mit Leonard Lansink, der u. a. als Privatdetektiv Wilsberg im ZDF bekannt ist, in der Hauptrolle.

Abgeschlossen wird die erste Spielzeit des neuen STATTTHEATERS am 11. März mit einem Mikromusical von Cocodello und dem Theater Hamburg-Altona:
„Auf alten Pfannen lernt man kochen“. Ein Mini-Abo (50 €), das für alle drei Aufführungen gültig ist, und Einzeltickets für die jeweiligen Veranstaltungen sind buchbar unter: 05681/2002 und unter E-Mail: tickets@homberger-
kulturring.de sowie bei Tickettoaster: https://kulturringtickets.tickettoaster.de.

Einzeltickets bei den Vorverkaufsstellen: Verrückter Florist und Piazza,
vita und vespa. Nummerierte Plätze. Mitglieder des Kulturrings und Inhaber der Ehrenamtscard erhalten das Mini-Abo für 45 €. (di)

Bildnachweis:
Bilder: A. Grabczynski